Das Gewinke mit dem Zaunpfahl…

Ich und Komplimente… das sind zwei unterschiedliche Dinge – also wir beide finden selten zusammen. Komplimente befinden sich auf einem Paralleluniversum und es ist in der Regel unmöglich, dass wir uns irgendwann begegnen. Sollte es durch Zufall doch passieren, erkenne ich ein Kompliment nicht.

Nein, Komplimente erreichen mich nicht, Beleidigungen allerdings schon! Und sie erreichen mich besonders dann, wenn sie getarnt sind – als Nettigkeit. Kennst Du das? Ich finde ja das sind die fiesesten Beleidigungen überhaupt. So wie vor kurzem meine Begegnung mit einem relativ schmalen, weiblichen Wesen. Wir hatten nur einen kurzen Wortwechsel und eigentlich war sie ganz nett. Ich kenne diese Frau nicht, man redet halt mal so. Aber sie kam tatsächlich noch mal zurück und mir schwante fürchterliches. Sie drückte mir eine Karte in die Hand, darauf stand:  Ernährungstherapeutin und  Coach. Sie lächelt mich an, und meinte: „Vielleicht kann ich ihnen helfen.“

Das hat gesessen! Der Klos in meiner Kehle formte sich zu einem unüberwindbaren Felsbrocken. O.k. – zugegeben, meine unnötigen Schwangerschaftskilos habe ich abgenommen, wieder zugenommen und wieder abgenommen und jetzt wieder zugenommen. Aber da fiel mir nichts mehr ein. Ich war so sprachlos, dass ich nur noch milde lächelnd nickte… und mich bedankte!

Ein paar Tage darauf sagte in der Arbeit jemand zu mir, ich könne seine Mutter sein. Dieser Mensch war Baujahr 86 !!!!! HALLOOOOO!!!! DA WAR ICH 16 und noch in der Schule!

Wieder ein paar Tage später, läutet das Telefon und eine Frau eröffnet mir, dass sie schon mal bei uns gewesen sei. „Bei einer netten, älteren Dame… Der Frau Schießl!“ Und wieder machte sich in meinem Hals der Felsbrocken breit. ÄLTERE DAME!!!! Zu diesem Felsbrocken gesellte sich aber nun auch etwas, dass in mir brüllte wie ein wild gewordener Löwe. Ältere Dame – alles klar!

Ich gehe frustriert nach Hause und krame in alten Fotos. Kennst Du das? In alten Fotos kramen? Wenn es einem eh schon scheisse geht? Ich sag Dir, danach geht es Dir nicht besser. Ich habe Fotos angeschaut von meinem allerersten Feuerlauf im Jahre 2002. Das heißt vor 15 Jahren. Damals war ich noch knackige 31 und ich war figürlich ganz normal. Ich betrachtete die Fotos… wieso war ich damals eigentlich so unzufrieden? Ich weiß es nicht und schaute weiter.  Fotos von 2005 und 2006, damals frisch verliebt mit meinem Mann. Ich gestehe, ich erkannte mich kaum wieder. War ich wirklich je so attraktiv? Oder bin ich gerade von meinem alternden, rundlichen Spiegelbild verblendet? Ich beschloss noch mehr zu kramen – irgendwo muss so ein total unvorteilhaftes Foto sein, wo man sieht, dass es damals auch nicht besser war. Aber ich fand keines. Ich fand nur eine junge, attraktive Frau, die wie ich weiß, sich selbst nie so gesehen hat.

Tja, späte Erkenntnis. 15 Jahre später, mit ein paar Falten, grauen Haaren und diversen Kilos mehr auf den Rippen, sieht manches eben anders aus.

Aber mal ehrlich, was ist das denn gerade? Gibt es eine neue Art der Ehrlichkeit, die besagt, man darf alten Menschen sagen, dass sie alt und hässlich sind? Ich sinne vor mich hin und überlege was mir das jetzt sagen soll. Ich mein, bis dato war ich der Meinung ich käme mit mir und meinem Alter ganz gut klar. Ich bin 46 – na und? Ich finde das gar nicht so alt. Bisher fand ich viele Dinge eher gut. Ich rege mich nicht mehr so schnell auf (außer man nennt mich ältere Dame). Ich kann vieles und muss aber deutlich weniger. Ich finde mit 46 ist es viel leichter lächelnd zu sagen „nein danke, lieb von Dir aber ich will nicht.“

O.k. sind wir mal ehrlich. Der letzte Friseurtermin ist schon sehr lange her. Die Haare sind zu lange und viel zu grau. Ich hab aber auch wirklich nie Zeit – echt, wenn ich zum Friseur gehe, dauert das 3 Stunden. Wann soll ich das denn noch machen? Und ja, meine Ausreden, warum ich gerade heute keine Punkte zähle und das lieber morgen  mache oder warum ich heute meine Schritte nicht machen kann, waren schon mal besser. Es geht ja nur heute nicht – morgen mach ich es wirklich.

Es stimmt – ich bin nicht mehr knackig und ich stelle seufzend fest, mein Körper braucht mehr Aufmerksamkeit. Auch wenn mein Geist noch lange nicht alt ist, ist mit 46 anscheinend die Zeit der Ausreden nun mal vorbei. Schade eigentlich. Das ist als würde man eine gute Freundin verabschieden. Und die Ausrede und ich – wir waren wirklich die allerbesten Freundinnen.

In diesem Sinne, auf eine ausredenfreie Zukunft!

Ganz herzliche Grüße

Petra

 

 

 

 

 

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